Artikel der "SonntagsZeitung" vom 15. Mai 2005 / Seite 85

Im Bann der Geheimbündler

Der Vatikan warnt vor Dan Browns « The Da Vinci Code » ( « Sakrileg » ) . Doch 25 Millionen verkaufter Bücher zeigen, dass Verschwörungstheorien stärker sind als Fakten.

VON PHILIPPE PFISTER ( TEXT) UND HANSPETER GRAF ( ILLUSTRATION)

Einen besseren Werbespot hätte sich Dan Brown für sein Buch « The Da Vinci Code » ( deutsch: « Sakrileg » ) kaum wünschen können: « Lesen Sie es nicht, und vor allem kaufen Sie es nicht! » , warnte Kardinal Tarcisio Bertone die Gläubigen in aller Welt. Sorgenvoll hatte seine Exzellenz zuschauen müssen, wie der « Da Vinci Code » weltweit die Spitzen der Bestsellerlisten erklomm. Der Mahnruf des Genueser Erzbischofs Mitte März kam reichlich spät: Bis zu diesem Zeitpunkt waren bereits 25 Millionen Exemplare des History- Thrillers verkauft.

Viele nehmen den « Da Vinci Code » für bare Münze.

Was ist dran an diesem Buch, dass es einen Quasi- Bann der katholischen Kirche auf sich gezogen hat? Browns These lautet - in aller Kürze - wie folgt: Maria Magdalena gebar ihrem Mann Jesus Kinder. Jesu Nachkommen sind noch heute unter uns, und eine geheime Bruderschaft, die « Prieuré de Sion » , hat das Wissen um das Geschlecht Jesu bis auf den heutigen Tag als grosses Geheimnis gehütet. Leonardo da Vinci gehörte der Prieuré an.

In seinem berühmten Gemälde « Das letzte Abendmahl » hat Leonardo sein geheimes Wissen versteckt. Er malte neben Jesus einen auffallend weiblichen Apostel: Maria Magdalena eben. Die Kirche ihrerseits versucht dieses Wissen nach allen Regeln der Kunst auszurotten.

Gewiss, das Buch ist ein Roman, und Romane sind Fiktion. Damit wäre jede Diskussion über Browns These ad acta gelegt. Doch so einfach ist es mit diesem Buch nicht. Schon die Reaktion Kardinal Bertones zeigt, dass viele Leserinnen und Leser den « Da Vinci Code » für bare Münze nehmen. Brown selbst hat alles dafür getan, dass der Leser geradezu den Eindruck erhalten muss, an der Geschichte über Jesu Nachkommen könnte etwas dran sein.

Entscheidend ist dabei die erste halbe Seite des Buches. Brown hat sie mit « Fakten und Tatsachen » übertitelt. Er schreibt: « Die Prieuré de Sion, der Orden der Bruderschaft von Sion, wurde im Jahre 1099 gegründet und ist eine Geheimgesellschaft, die bis heute existiert. Im Jahr 1975 wurden in der Pariser Nationalbibliothek Dokumente entdeckt, die unter der Bezeichnung Dossiers Secrets bekannt geworden sind und aus denen hervorgeht, dass eine Reihe berühmter Männer der Prieuré angehörten, darunter Sir Isaac Newton, Sandro Botticelli, Victor Hugo und Leonardo da Vinci.

Erst nach diesen zwei Sätzen ( und einer seltsamen Beschreibung des Opus Dei) beginnt der Prolog. Brown, der kaum Interviews gibt, hat sich bis heute nicht zu seinem rätselhaften Einstieg äussern mögen. Beginnt nun der Roman erst mit dem Prolog - oder gehören schon die « Fakten und Tatsachen » dazu? Falls es wirklich Fakten und Tatsachen sein sollen, hat Brown nicht nur miserabel recherchiert, sondern er ist auch einer alten Gamelle aufgesessen. Denn weder existiert seit 1099 eine « Prieuré de Sion » , noch sind die « Dossiers Secrets » echt, die man in der Pariser Nationalbibliothek gefunden haben will. Doch alles schön der Reihe nach.

Eine « Prieuré de Sion » gibt es tatsächlich: Sie ist jedoch nicht 906 Jahre alt, sondern wesentlich jünger. Sie wurde am 7. Mai 1956 vom Franzosen Pierre Plantard in Annemasse gegründet. Plantard, der vor fünf Jahren starb, war der Mann fürs Grobe unter den europäischen Geheimbündlern. Er war erklärter Monarchist und gründete als 17- Jähriger seine erste Geheimgesellschaft. Für den Namen liess er sich vom Mont Sion, einem kleinen Berg ausserhalb von Annemasse bei Genf, inspirieren, wo er ein spirituelles Zentrum plante. Erst in den Sechzigerjahren entdeckte er in der Geschichte der Kreuzzüge eine « Abtei unserer Mutter vom Berg Zion » , die von Godefroy de Bouillon, dem späteren König von Jerusalem, 1099 gegründet worden war. Die Abtei wurde 1291 zerstört, die letzten Mönche flohen nach Sizilien, im 14. Jahrhundert verliert sich die Spur ganz. Plantard mag sich auf diese Abtei berufen haben - eine reale Verbindung zu seiner Bruderschaft gab es nie. Auch die « Dossiers Secrets » gibt es - man findet sie noch heute in der Pariser Nationalbibliothek. Die Dossiers verweisen auf bestimmte Pergamente, aus denen hervorgehen soll, dass Leonardo einer der Grossmeister der Prieuré war. Abgesehen davon, dass es zu Zeiten da Vincis keine Prieuré gab, gibt es noch ein zweites Problem: Sowohl die Dokumente als als auch die Pergamente sind plumpe Fälschungen. Als Auftraggeber fungierte - wen wunderts - Pierre Plantard.

Ein gewisser Philippe de Chérisey fabrizierte die Papiere, Plantard deponierte sie in der Bibliothek und « entdeckte » sie später. In den Siebzigerjahren haben alle, die in die Fälschung involviert waren, diese zugegeben. Die Fälschungsgeschichte ist mehrfach detailliert dokumentiert und mit Quellenangaben versehen worden - jüngst etwa vom italienischen Religionswissenschaftler Massimo Introvigne ( www.cesnur.org).

Introvignes Nachforschungen haben auch ergeben, dass Plantard die Liste mit den Grossmeistern einfach abgeschrieben hat, und zwar beim 1915 in den USA gegründeten « Alten und Mystischen Orden des Rosenkreuzes » ( AMORC). Plantard stand mit einem französischen AMORCZweig in Verbindung. Viele so genannte Geheimbünde berufen sich ideell auf grosse Denker, Wissenschaftler oder Künstler; Plantard machte sie - schwupps - zu Grossmeistern. Und so landete auch Leonardo auf der Liste.

Und was hat dies alles mit Jesus und seinen Kindern zu tun? Zunächst nicht viel. Plantard hatte mit Jesu Nachkommenschaft nichts am Hut. Er, der Monarchist, wollte vor allem beweisen, dass die legitimen Erben des französischen Throns die Merowinger seien. Die Merowinger seien zwar 751 von den Karolingern entthront worden - ihre Nachkommen lebten aber bis heute fort, beschützt von der « Prieuré de Sion » . Man darf raten, wem Plantard den Anspruch auf den Thron zusprach: sich selbst.

Zwei Schriftsteller verklagen Brown auf 150 000 Pfund

Zu Beginn der Siebzigerjahre geriet Plantards Geschichte dem britischen Schauspieler und Dokumentarfilmer Henry Lincoln in die Hände. Sie klang spannend, hatte aber ein Problem: Für das britische Publikum waren die Merowinger allein zu unspektakulär.

Also vermischte Lincoln Plantards Story mit dem Buch eines gewissen Robert Ambelain. Ambelain spekulierte, Jesus habe eine Konkubine namens Salome gehabt. Diese beiden Stränge vermischte Lincoln zu einer einzigen Verschwörungstheorie: Maria Magdalena floh nach Frankreich und begründete mit den Nachkommen Jesu die Dynastie der Merowinger. Deren Nachkommen leben bis heute unter uns - beschützt von einer geheimen Bruderschaft, der « Prieuré de Sion » . Dieses Geheimnis, das « Sang Réal » , das Heilige Blut, ist der Gral. In drei TVDokumentationen und zwei Sachbüchern hat Lincoln zusammen mit Michael Baignent und Richard Leigh diese Geschichte variiert.

Dass Brown auf diesem Fundament seinen « Da Vinci Code » baute, hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. Dass weder die « Prieuré de Sion » noch die « Dossiers Secrets » « Fakten und Tatsachen » sind, könnte man ihm nachsehen.

Schlimmer wiegt der Verdacht, er habe bei Lincoln, Baignent und Leigh abgekupfert. Die beiden Letzteren haben Brown im Dezember 2004 in Grossbritannien auf 150 000 Pfund verklagt - der « Da Vinci Code » sei ein Plagiat ihres Buchs « The Holy Blood and The Holy Grail » .

Man muss sich indes noch nicht einmal in die Gralsliteratur stürzen, um ein Argument des « Da Vinci Codes » ad absurdum zu führen. Seit der Veröffentlichung des Buches starrt die Welt auf das « Abendmahl » Leonardos - und nur auf seins. Und ja, die Figur zur Rechten Jesu scheint eine Frau zu sein. Nur: In Dutzenden von Abendmahlsdarstellungen - etwa in jener in der Kirche Madonna del Sasso bei Locarno - kann man problemlos eine Frau erkennen.

Wo also bleibt das Geheimnis? Browns Buch zeigt vor allem eins: Verschwörungstheorien sind faktenresistent. Der Wunsch, an die Verschwörung zu glauben, ist immer stärker als die Macht der Tatsachen.